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Vorurteile - positive und negative

..., was immer wir als Wahrheit anerkennen, ist nicht als bloss ein Splitter des Ganzen. Wir bilden alle unsere Gedankenkonstruktionen aufgrund unzureichender Informationen. Sobald ein solches Konstrukt übergeneralisiert (nach dem Muster: „immer muss ich“, „ nie sagst du …“, „alle Frauen (Männer) sind...", „ jeder Tag..“) und weitgehend veränderungsresistent ist, d.h. auch bei widersprüchlichen Informationen nicht geändert wird, reden wir im alltäglichen Sprachgebrauch von Vorurteilen. 

 

Tatsache ist aber, dass wir Gedankenkonstrukte für unsere Orientierung im Leben, in Raum und Zeit brauchen. Wir bilden uns eine Meinung, über alles was wir bewusst oder unbewusst wahrnehmen. Wir bewerten uns und unsere Umgebung nach den Massstäben unserer bisherigen Erfahrungen; grundsätzlich um handlungsfähig zu sein und allfällige Gefahren früh genug zu erkennen. Die Ereignisse, die wir erleben, würden uns in ihrer Vielzahl überschwemmen, wenn wir sie einzeln analysieren müssten. Wir fassen unserer Erfahrungen stattdessen zu groben Kategorien zusammen und orientieren uns an diesen groben Mustern, den Leitlinien, von unseren Erfahrungen abgeleiteten Regeln und Glaubenssätzen. Sogar unsere Einstellung und unsere Erwartungen selbst gegenüber basieren oftmals auf reinen Gedankenkonstruktionen.

 

Albert Einstein (1879-1955) meinte einst: „Es ist leichter ein Atom zu spalten, als ein Vorurteil“. Vorurteile gelten in der heutigen Zeit generell als verpönt. Gedankenkonstrukte und „Vorurteile“ sind jedoch nicht per se gut oder schlecht. Gefährlich und wenig hilfreich sind unsere Konstrukte, wenn sie unreflektiert bleiben. Wenn sie zur unverrückbaren, dogmatischen Krücken einer Lebensgestaltung und -haltung werden und ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit letztlich ohne Prüfung vorausgesetzt wird, vermögen sie nicht bloss das Leben des einzelnen Menschen, sondern ganzer Völker und Nationen zu zerstören. Aus diesem Grunde ist es von grosser Bedeutung, dass wir uns unserer „Vorurteile“ und Glaubenssätze von Zeit zu Zeit gewahr werden, sie überprüfen und gegebenenfalls zu ändern – soweit das alleine geht; oft ist es hilfreich, sich dabei durch eine aussenstehende Person, z.B. einen Coach unterstützen zu lassen.

 

Erstaunlicherweise sprechen wir in der Regel nur von diesen als negativ und schädlich erachteten „Vorurteilen“. Einige meiner persönlichen Vorurteile haben sich jedoch im Alltag schon ausserordentlich verdient gemacht. Denn würde ich ohne das Konstrukt, dass mich ein freudiger, vielleicht schöner oder vielleicht auch erfolgreicher Tag erwartet - jedenfalls einen Tag mit dessen Herausforderungen ich fertig werden kann - morgens freudig aufstehen? Und gemäss der oben angeführten Definition handelt es sich bei dieser Annahme um ein Vorurteil. Denn ich habe nur unzureichende Informationen, um dem kommenden Tag solche Qualitäten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu schreiben zu können. Und es ist veränderungsresistent; ich selbst habe schon hinreichend sogenannt schlechte Tage erlebt und dennoch stehe ich unverändert hoffnungsvoll auf. 

 

Ein anderes „positives Vorurteil“, dass ich hege (und pflege), ist mein Glaube an das Gute im Menschen. Das ist meine Überzeugung - und natürlich ist es ebenso ein Vorurteil, weil ich damit grundsätzlich meinem Gegenüber einen Vertrauensvorschuss gebe. Bin ich deswegen naiv? Nein. Mir ist bewusst, dass nicht nur „gute“ Menschen da draussen herumlaufen. Und dennoch behalte ich mir diese Grundüberzeugung bei. Denn auf den einen oder anderen, der diesen Vertrauensvorschuss missbraucht, kommen sehr viel mehr Leute, die bestätigen, dass es gerechtfertigt ist, ihnen zu vertrauen. 

 

Welches sind Deine „Lieblingsvorurteile“? Welche sind positiv, welche negativ ? 

Beobachte dich einfach einmal selbst, denn diese verankerten Überzeugungen beeinflussen massgeblich dein Verhalten und entscheiden letztlich über dein Lebensgefühl und deinen Erfolg.

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