Berufung statt Beruf

Es war einmal ein Mann, dem die unterschiedlichen menschlichen Motivationen faszinierten. In diesem Zusammenhang befragte er viele Menschen.

Eines Tages spazierte er an einem Steinbruch vorbei, wo viele Arbeiter mit Steineklopfen beschäftigt waren. Da fasste er drei Arbeiter ins Auge, die mit unterschiedlichem Eifer bei der Arbeit waren.

„Eine gute Gelegenheit, um diese Arbeiter nach ihrer Motivation zu befragen“, schoss es ihm durch den Kopf.

 

So ging er zu jenem Arbeiter, der immer wieder Pausen einlegte. Ein paar Klopfer auf den Stein und schon machte er Pause und blickte mürrisch durch die Gegend. Bei der nächsten Pause packte der Mann die Gelegenheit beim Schopf:

„Entschuldigen Sie, eine Frage. Wie sieht es mit Ihrer Motivation für diese Arbeit aus?“

„Motivation? So eine dumme Frage! Es gibt keine schlimmere Arbeit als dieses Steineklopfen. Aber weil es hier kaum Arbeit gibt, habe ich diesen Job angenommen. Ich mache sicher nicht mehr als notwendig. Hauptsache eine Arbeit, man kann es sich halt nicht immer aussuchen. Also von Motivation kann keine Rede sein!“

„Naja, aber auf eine freundliche Frage hätte ich mir auch eine freundliche Antwort erwartet“, so der Mann.

„Wie soll man bei so einer Arbeit freundlich sein. Die nimmt mir die ganze Lebensfreude und dann kommen Sie mit solch einer dummen Frage. Motivation – dass ich nicht lache!“

 

Der Mann ging eilig weiter zum nächsten Arbeiter. Dieser machte einen fleißigen Eindruck. Nun wollte es der Mann genauer wissen:

„Ihnen scheint das Steineklopfen Spass zu machen, oder?“

„Ja, heute schon! Ein herrlicher Tag. Ich bin verliebt, herrliches Wetter heute, mein Chef hat mich morgens gelobt, und das Steinmaterial hier in diesem Bereich des Steinbruchs lässt sich gut bearbeiten. Und so geht mir die Arbeit leicht von der Hand und macht sogar Spass!“

„Kann ich daraus auch schließen, dass Ihre Motivation nicht immer so hoch ist wie heute?“

Der Arbeiter: „Natürlich nicht! Das hängt von den Umständen ab. Nicht immer ist der Chef so gut aufgelegt. Und Steineklopfen bei Regen und kaltem Wetter macht alles andere als Spass. Bei hartem Steinmaterial brauche ich häufig doppelt so lange. Was glauben Sie, wie es da mit meiner Motivation ausschaut?“

„Verstehe ich das richtig, dass Ihre Motivation vor allem von den Umständen und vom Umfeld abhängt?“

„Ja, genau“, antwortete der Steineklopfer und machte sich an den nächsten Stein.

 

Der Mann ging zum nächsten Arbeiter, der voller Eifer auf einen Granitbrocken hämmerte. Er sah ihm eine Weile beim Steineklopfen zu und war fasziniert, wie der Arbeiter ohne Unterbrechung auf den harten Stein klopfte. Ihn schien die schwere Arbeit richtig Spass zu machen. Erst als der Mann den Arbeiter auf die Schulter klopfte, bemerkte ihn dieser.

„Macht Ihnen der harte Stein nicht zu schaffen?“, wollte der Mann wissen.

„Nein, überhaupt kein Problem. Mir macht es sogar richtig Spass, den Stein zu bearbeiten!“

„Und wenn das Wetter mal nicht so schön ist wie heute, wenn es kalt und regnerisch ist, und wenn der Chef schlechte Laune hat, dann ist Ihre Motivation sicher nicht so groß, stimmt’s?“

„Die miese Laune von meinem Chef prallt an mir ab, und am Wetter kann ich auch nicht drehen. Was sollten diese Umstände an meiner Motivation ändern?“, antwortete der Arbeiter und bearbeitete schon wieder einen Stein.

„Aber ist das Steineklopfen nicht hart und eintönig?“

„Was heisst hier Steineklopfen? Sehen Sie nicht, was ich aus diesen Steinen mache? Ich arbeite am Gewölbe des Wiener Stephansdomes! Gibt es eine schöneres und ehrenvolleres Ziel als ein solches grossartiges Gebäudes aufzubauen?“

 

 

Nach Roberto Assagioli, 1888 – 1974, ital. Arzt