Die Wohlgesinnten
04/01/10 /20:24 Zu finden in der Kategorie:Literatur
Diverse Aussagen aus Amazon zu diesem Roman. Ich kann mich diesen nur anschliessen.
"Was für ein Brocken! Was für ein Werk! An Kühnheit kaum zu überbieten. An Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckend. Ein 1400-Seiten Roman über das anspruchsvolle Thema des 2. Weltkriegs und des Holocaust. Erzählt ausgerechnet aus der Perspektive eines SS-Offiziers. Geschrieben von einem jungen französischen Juden. Obendrein ein Debütroman. Man muss schon einige Superlative versammeln, um den Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell zu beschreiben. Allein schon beim Durchblättern mag man in die Knie gehen: 1400 eng bedruckte Seiten im Blocksatz. Nirgendwo die Spur eines auflockernden Dialoges mit zerfransten Zeilenenden. Stattdessen eine Flut von völlig identisch aussehenden Seiten, im Anhang ein 30-Seitiger Glossar mit den Fachtermini der Deutschen Wehrmacht und eine Konkordanz der Dienstgrade der SS, der Wehrmacht und der Polizei. Nimmt man noch das Inhaltsverzeichnis hinzu, ausschließlich bestehend aus Bezeichnungen der Musik und des Tanzes wie "Courante" und "Sarabande", weiß man: dieser Mann meint es ernst.
Da werden die Literaturwissenschaftler einiges zu bearbeiten haben, wenn erst einmal das empörte Geblöck des Feuilletons verstummt ist. Denn einen Vorwurf kann man Littell sicher nicht machen: dass er es sich leicht gemacht habe und dass er bloß provozieren wolle. Oder dass er gar politisch verdächtig wäre. Dazu ist dieses Riesenwerk viel zu komplex und viel zu genau.
Denn es geht ja nicht darum - wie manche Kritiker gerne glauben machen wollen - dass mit der Erzählung der Judenvernichtung aus der Perspektive eines SS-Manns letzte Tabus fallen sollen. Der erzähltheoretische Rahmen und die ganze Anlage des Werks ist so vielschichtig, dass jeder kurzgeschlossener Moralismus ins Leere läuft.
Dies fängt natürlich bereits bei der Titelgebung "Die Wohlgesinnten" an, die mit dem Verweis auf den griechischen Mythos der Orestie einen ganzen Kosmos der Auslegung aufschlägt. Die Wohlgesinnten sind bei Aischylos die endlich besänftigten, schrecklichen Schicksalsgöttinen Erinnyen, die nach der Verurteilung des Orest ins Freundliche gewandelt sind. Orest ist im Mythos schuldig des Muttermordes. Und auch Obersturmbannführer Aue erschlägt in der Mitte des Romans Mutter und Stiefvater. Aue unterhält aber zudem noch ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, die, wie könnte es anders sein, Una heißt, was für 'Eins' oder 'Vereinigung' stehen mag. Mit dem Muttermord, bzw. dem stellvertretenden Vatermord und dem Inzest verknüpft Littell seinen Roman mit dem mythologischen Kern der abendländischen Überlieferung.
Das Spiel der Spiegelungen und Vereinigungen geht aber noch weiter: Bei dem Besuch bei den Eltern, in dessen Folge Aue sie ermordet, entdeckt er zwei bei ihnen lebende Kinder, Zwillinge. Aue ist von diesen Zwillingen, die er nicht zuordnen kann, höchst irritiert, bis zum Ende des Romans eine dumpfe Ahnung Gewissheit wird: es handelt sich um seine eigenen Kinder, inzestuös gezeugt mit seiner Zwillingsschwester Una.
Darüber hinaus ist Maximilian Aue aber, von der Vereinigung mit der Schwester abgesehen, schwul. Die Homosexualität ist ein weiterer Stein im Motivkomplex der Vereinigung des Unvereinbaren, in der sich der Zug zur Negation der Differenz offenbart. Dieser Furor der Identität, dieses Verlangen nach Ursprünglichkeit und Einheit, die ja auch als Fundament der Naziideologie angesehen werden kann, gipfelt in der Spiegelung von Juden und Ariern. So sieht beispielsweise Aue beim Besuch einer Führerrede in einer surrealistisch anmutenden Szene Adolf Hitler als Rabbi. Mehrfach wird das Zwillingshafte als Motiv zwischen den Juden und den Deutschen aufgerufen. Schließlich noch wird Aue nach der Ermordung seiner Eltern in fast kafkaesker Manier von einem wie Zwillinge auftretendes Ermittlerpärchen verfolgt. Und die Auflösung der Differenz im einzigen 'Scheitelauge', das Aue in Stalingrad in die Stirn geschossen wird, mit welchem er fortan eine geschärfte Sichtweise der Welt hat.
All dies schafft erst einmal einen literaturhistorischen und -theoretischen Rahmen, der es in sich hat! Die weiteren intertextuellen Bezüge sind zahllos!
Aber dies ist ja nur die eine Seite des Werkes, zeigt nur, auf welchem Niveau er angesiedelt ist. Etwas anderes ist die Handlung und das Erzählen selber:
Selbst Historiker bescheiden Littell unglaubliche Genauigkeit, was die Fakten der Darstellung angeht, wenn er Maximilian Aue als SS-Offizier das gesamte Panorama Europas im 2. Weltkrieg durchlaufen lässt. "
"Ein Roman, beim dem man sich fragt, warum der erst jetzt geschrieben wurde. Er erzählt die Geschichte des SS-Offiziers Dr. Max Aue, der nolens volens in die Verstrickungen der NS-Menschenvernichtungsmaschinerie involviert wird. Er ist beteiligt an der Judenvernichtung in der Ukraine, er entkommt knapp dem Kessel von Stalingrad und ist später Sonderbeauftragter von Himmler für die Konzentrationslager. Aus seiner Sicht erlebt man den Krieg im Osten und den Untergang des Dritten Reiches hautnah mit.
Mit tiefem Einfühlungsvermögen erzählt Littell in der Ich-Form, also aus der Sicht des SS-Mannes. Seine Beweggründe, seinen Weltanschauung, sein Antrieb, seinen Probleme mit seinem "Job". ....Von Beschönigung kann keine Rede sein: die Situation bei den Judenvernichtungen ist wohl derart realistisch geschildert, dass man manchmal innehalten muss. Die Schilderungen aus Stalingrad klingen so, als wäre Littell selber dabeigewesen: man spürt Trostlosikeit, Hunger, Kälte, Verzweiflung. Gnadenlos stellt Littell die Dinge dar, wie sie eben waren, und das mit einer überaus beeindruckenden Sachkenntnis. Littell wollte den Nationalsozialismus und den Rassenwahn aus der Sicht der Zeit und der Täter darstellen. Ohne zu werten, ohne davon etwas gutzuheissen - der Verdacht entsteht nicht. Das ist das einzigartige an diesem Roman. Dies gelingt Littell vor allem in Form von meisterhaft dargestellten Diskussionen und Dialogen. Immer wieder stellt er subtil die mehr als privilegierte Situation der SS mit ihrem Fress- und Saufgelagen der darbenden Bevölkerung und den verhungernden KZ-Häftlingen gegenüber. Faszinierend fand ich die Darstellung des "inneren" Zusammenwirkens der Machtapparate des Dritten Reiches, die Beschreibung der handelnden Personen und Umstände. Littell ist hier ein Werk gelungen, das ohne zu übertreiben als epochal bezeichnet werden muss."
"Was für ein Brocken! Was für ein Werk! An Kühnheit kaum zu überbieten. An Komplexität und Vielschichtigkeit beeindruckend. Ein 1400-Seiten Roman über das anspruchsvolle Thema des 2. Weltkriegs und des Holocaust. Erzählt ausgerechnet aus der Perspektive eines SS-Offiziers. Geschrieben von einem jungen französischen Juden. Obendrein ein Debütroman. Man muss schon einige Superlative versammeln, um den Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell zu beschreiben. Allein schon beim Durchblättern mag man in die Knie gehen: 1400 eng bedruckte Seiten im Blocksatz. Nirgendwo die Spur eines auflockernden Dialoges mit zerfransten Zeilenenden. Stattdessen eine Flut von völlig identisch aussehenden Seiten, im Anhang ein 30-Seitiger Glossar mit den Fachtermini der Deutschen Wehrmacht und eine Konkordanz der Dienstgrade der SS, der Wehrmacht und der Polizei. Nimmt man noch das Inhaltsverzeichnis hinzu, ausschließlich bestehend aus Bezeichnungen der Musik und des Tanzes wie "Courante" und "Sarabande", weiß man: dieser Mann meint es ernst.
Da werden die Literaturwissenschaftler einiges zu bearbeiten haben, wenn erst einmal das empörte Geblöck des Feuilletons verstummt ist. Denn einen Vorwurf kann man Littell sicher nicht machen: dass er es sich leicht gemacht habe und dass er bloß provozieren wolle. Oder dass er gar politisch verdächtig wäre. Dazu ist dieses Riesenwerk viel zu komplex und viel zu genau.
Denn es geht ja nicht darum - wie manche Kritiker gerne glauben machen wollen - dass mit der Erzählung der Judenvernichtung aus der Perspektive eines SS-Manns letzte Tabus fallen sollen. Der erzähltheoretische Rahmen und die ganze Anlage des Werks ist so vielschichtig, dass jeder kurzgeschlossener Moralismus ins Leere läuft.
Dies fängt natürlich bereits bei der Titelgebung "Die Wohlgesinnten" an, die mit dem Verweis auf den griechischen Mythos der Orestie einen ganzen Kosmos der Auslegung aufschlägt. Die Wohlgesinnten sind bei Aischylos die endlich besänftigten, schrecklichen Schicksalsgöttinen Erinnyen, die nach der Verurteilung des Orest ins Freundliche gewandelt sind. Orest ist im Mythos schuldig des Muttermordes. Und auch Obersturmbannführer Aue erschlägt in der Mitte des Romans Mutter und Stiefvater. Aue unterhält aber zudem noch ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, die, wie könnte es anders sein, Una heißt, was für 'Eins' oder 'Vereinigung' stehen mag. Mit dem Muttermord, bzw. dem stellvertretenden Vatermord und dem Inzest verknüpft Littell seinen Roman mit dem mythologischen Kern der abendländischen Überlieferung.
Das Spiel der Spiegelungen und Vereinigungen geht aber noch weiter: Bei dem Besuch bei den Eltern, in dessen Folge Aue sie ermordet, entdeckt er zwei bei ihnen lebende Kinder, Zwillinge. Aue ist von diesen Zwillingen, die er nicht zuordnen kann, höchst irritiert, bis zum Ende des Romans eine dumpfe Ahnung Gewissheit wird: es handelt sich um seine eigenen Kinder, inzestuös gezeugt mit seiner Zwillingsschwester Una.
Darüber hinaus ist Maximilian Aue aber, von der Vereinigung mit der Schwester abgesehen, schwul. Die Homosexualität ist ein weiterer Stein im Motivkomplex der Vereinigung des Unvereinbaren, in der sich der Zug zur Negation der Differenz offenbart. Dieser Furor der Identität, dieses Verlangen nach Ursprünglichkeit und Einheit, die ja auch als Fundament der Naziideologie angesehen werden kann, gipfelt in der Spiegelung von Juden und Ariern. So sieht beispielsweise Aue beim Besuch einer Führerrede in einer surrealistisch anmutenden Szene Adolf Hitler als Rabbi. Mehrfach wird das Zwillingshafte als Motiv zwischen den Juden und den Deutschen aufgerufen. Schließlich noch wird Aue nach der Ermordung seiner Eltern in fast kafkaesker Manier von einem wie Zwillinge auftretendes Ermittlerpärchen verfolgt. Und die Auflösung der Differenz im einzigen 'Scheitelauge', das Aue in Stalingrad in die Stirn geschossen wird, mit welchem er fortan eine geschärfte Sichtweise der Welt hat.
All dies schafft erst einmal einen literaturhistorischen und -theoretischen Rahmen, der es in sich hat! Die weiteren intertextuellen Bezüge sind zahllos!
Aber dies ist ja nur die eine Seite des Werkes, zeigt nur, auf welchem Niveau er angesiedelt ist. Etwas anderes ist die Handlung und das Erzählen selber:
Selbst Historiker bescheiden Littell unglaubliche Genauigkeit, was die Fakten der Darstellung angeht, wenn er Maximilian Aue als SS-Offizier das gesamte Panorama Europas im 2. Weltkrieg durchlaufen lässt. "
"Ein Roman, beim dem man sich fragt, warum der erst jetzt geschrieben wurde. Er erzählt die Geschichte des SS-Offiziers Dr. Max Aue, der nolens volens in die Verstrickungen der NS-Menschenvernichtungsmaschinerie involviert wird. Er ist beteiligt an der Judenvernichtung in der Ukraine, er entkommt knapp dem Kessel von Stalingrad und ist später Sonderbeauftragter von Himmler für die Konzentrationslager. Aus seiner Sicht erlebt man den Krieg im Osten und den Untergang des Dritten Reiches hautnah mit.
Mit tiefem Einfühlungsvermögen erzählt Littell in der Ich-Form, also aus der Sicht des SS-Mannes. Seine Beweggründe, seinen Weltanschauung, sein Antrieb, seinen Probleme mit seinem "Job". ....Von Beschönigung kann keine Rede sein: die Situation bei den Judenvernichtungen ist wohl derart realistisch geschildert, dass man manchmal innehalten muss. Die Schilderungen aus Stalingrad klingen so, als wäre Littell selber dabeigewesen: man spürt Trostlosikeit, Hunger, Kälte, Verzweiflung. Gnadenlos stellt Littell die Dinge dar, wie sie eben waren, und das mit einer überaus beeindruckenden Sachkenntnis. Littell wollte den Nationalsozialismus und den Rassenwahn aus der Sicht der Zeit und der Täter darstellen. Ohne zu werten, ohne davon etwas gutzuheissen - der Verdacht entsteht nicht. Das ist das einzigartige an diesem Roman. Dies gelingt Littell vor allem in Form von meisterhaft dargestellten Diskussionen und Dialogen. Immer wieder stellt er subtil die mehr als privilegierte Situation der SS mit ihrem Fress- und Saufgelagen der darbenden Bevölkerung und den verhungernden KZ-Häftlingen gegenüber. Faszinierend fand ich die Darstellung des "inneren" Zusammenwirkens der Machtapparate des Dritten Reiches, die Beschreibung der handelnden Personen und Umstände. Littell ist hier ein Werk gelungen, das ohne zu übertreiben als epochal bezeichnet werden muss."